Rudi Vogt  "Wider das Vergessen"                                         


Rudi Vogt lebt in Küstrin-Kietz und ist anerkannt als Verfolgter im Sinne des II.SED-Unrecht-Bereinigunggesetzes. Was er in seinem Buch beschreibt, hat er selbst erlebt.
"Wider das Vergessen" soll alle die aufrütteln und erinnern, die heute klagen und sich nur noch an das Gute in der ehemaligen DDR erinnern. Der Autor möchte natürlich auch gern die Polikliniken wieder beleben, jedem seinen Arbeitsplatz sichern, Kindergartenplätze für jedes Kind bereitstellen und die Kriminalität auf den alten Stand senken. Aber darüber ist schon genug geschrieben worden.
Alles Gute ist eben nie beisammen. Ein Gut aber steht über allem, das ist die Freiheit. Jedes Tier, das noch so satt ist, verläßt seinen Käfig, überwindet den Zaun, wenn ihm das Tor in die Freiheit geöffnet wird. Auch wir Menschen sollen unsere Freiheit über alles lieben. Hüten wir sie und benutzen sie so, dass es für die anderen keine Unfreiheit gibt, und sicher werden wir dann auch einmal alle Menschen dieser Welt satt bekommen.



Rudi Vogt: Wider das Vergessen. Alltag in der DDR
1948 wird Rudi Vogt Lehrer, unterrichtet in einer Ruine. Lehrer und Schüler frieren und hungern, doch es herrscht Aufbruchstimmung. Doch der Aufbau läßt auf sich warten, nur an Propaganda mangelte es nicht.
Er fragt sich, warum sich die Sozialdemokraten mit den Genossen der KPD zur SED zwangsvereinigen ließen. Langsam geriet er ins Abseits, da er sich nicht, wie die meisten seiner Lehrerkollegen, anpaßte.

Nach dem Bau der Mauer am 13. August 1961 ist seine Familie von Verwandten und Freunden getrennt.
Der Autor berichtet von seinen Erfahrungen mit der Freiheit der Presse und dem Postgeheimnis, schildert, mit welchen Tricks man zu Radeberger Pilsner, Messern für Rasenmäher oder Baumaterial kam und was man bei dem Vorhaben, mit seinem Besuch in einer Gaststätte Mittag essen zu wollen, erleben konnte.
Die Schwierigkeiten mit der Staatsmacht, was er alles aus seiner STASI-Akte erfährt und der lange Weg zur Rehabilitierung wird mit vielen Dokumenten belegt.

Lesen Sie nun einiges von dem, was Rudi Vogt "Wider das Vergessen" schreibt.



Bitte warten, sie werden platziert!

Ein Schild mit dieser Inschrift fand man zu DDR-Zeiten fast an jeder Eingangstür eines Restaurants. Je nach Ausstattung und Angebot gab es unterschiedliche Preisstufen. Die Preise wurden amtlich verordnet und mussten eingehalten werden, waren aber im Vergleich mit Gaststätten im Westen extrem niedrig. Der Nachteil war aber, dass die Nachfrage nicht gedeckt werden konnte. Es fehlte der finanzielle Anreiz.

Was ich jetzt schildere, klingt unglaublich, ist aber die reine Wahrheit. Wir hatten Gäste aus Westdeutschland zu Besuch und wollten ihnen unsere Bezirkshauptstadt Frankfurt (Oder) zeigen. Gegen Mittag wollten wir speisen und suchten das Restaurant im Hotel Frankfurter Hof auf. Wir erwartet, standen dort schon 20 Personen an. Es ging nur mäßig vorwärts. Nach ca. 20 Minuten hatten wir die Nase voll und wechselten zum Ratskeller über.
Dort war der Andrang noch größer und der Einlass noch schleppender. Was tun? Da gab es ja auf dem Rückweg nach Küstrin noch verschiedene Gaststätten, wie uns bekannt war. Beliebt war das Rosen-Café in Lebus. Eine herbe Enttäuschung erwartete und dort, kein Andrang, aber auch kein Mittagessen. Kaffee und Kuchen wollte man uns servieren. Der Koch war erkrankt und kein Ersatz vorhanden.

Die Fahrt ging weiter nach Podelzig. Dort brauchten wir erst gar nicht auszusteigen. Schon auf dem Parkplatz teilten uns andere Hungrige mit: "Heute Ruhetag."
Nun war Manschnow unsere letzte Hoffnung. Aber die Enttäuschung setzte sich fort. "Kein Einlass – Betriebsfest – geschlossene Gesellschaft." Für vier Personen zusätzlich hatten die Manschnower keinen Platz.
Verhungert sind wir deswegen nicht. Daheim angekommen, gab es ein Schnellgericht. Es gab Pellkartoffeln mit Rührei. Aber die Blamage war perfekt. Sollte und das etwa trösten, dass wir für ein Kotelett mit Gemüsebeilage und Kartoffeln und ein kleines Bierchen dazu in Podelzig nur fünf Ostmark hätten zahlen müssen?



Wie wir versorgt wurden

Für den Mangel an Lebensmitteln in der DDR machte man die Kriegstreiber im Westen verantwortlich. So sollten die Amerikaner von ihren Flugzeugen in den Luftkorridoren nach Westberlin Kartoffelkäfer abgeworfen haben, um unseren Anbau zu schädigen. Die Schulkinder mussten die Kartoffelfelder nach diesen Schädlingen absuchen. Geholfen hat das natürlich nicht.
Die Bauern wurden unter Druck gesetzt, sich genossenschaftlich zu organisieren. Viele hielten diesem Druck nicht stand und verließen Haus und Hof und flüchteten in den Westen. Wegen der drohenden Kollektivierung wurden die Versorgungslage immer kritischer. Es waren meist die besten Bauern, die die DDR verließen.

Überall wurden Sammelstelle für Obst und Gemüse eingerichtet. Und nun passierte etwas, was nicht passieren durfte. Es gab manchmal ein Überangebot an Tomaten, Gurken, grünen Bohnen und anderem.
Wenn die Ware vom Großhandel nicht abgeholt wurde, fing sie an zu faulen, blockierte die Annahmestellen und musste schließlich auf den Mist gefahren werden. Es gab von der Partei striktes Gebot, alles anzunehmen; vom wirtschaftlichen Standpunkt war das unvernünftig, mußte aber befolgt werden ...
Ich habe erlebt, wie Einwohner unseres Ortes auf dem Müllberg diese eben abgeladenen grünen Bohnen und Gurken aussortiert und erneut zur Aufkaufstelle gebracht haben. Dort wurde das Gemüse auch prompt wieder angenommen.

Als Geographielehrer hatte ich lt. Lehrplan ständig die kapitalistische Wirtschaft anzuprangern. In Amerika wurde die Milch in die Gosse gekippt, in Brasilien Kaffee in Lokomotiven verheizt, in Italien Südfrüchte auf die Müllhalde gefahren. Natürlich musste ich auch lehren, dass derweil Menschen in Afrika verhungerten.
Können Sie sich vorstellen, wie ich mir vorkam, als ich nun bei uns ähnliche Erscheinungen beobachten mußte? Der Sozialismus hatte auch auf dieser Ebene dem Kapitalismus nichts voraus.

Der Staat der Arbeiter und Bauern hatte großen Bedarf an Devisen. Man wußte, dass durch die Passierscheinregelung mit den Besuchern große Mengen Westmark in die DDR geschleust wurden. Die wollte man abschöpfen und schuf als neue Handelseinrichtung die intershop-Läden. Für D-Mark konnte man hier alles kaufen.
Da das Geschäft mit den Intershop-Läden gut anlief, dachte man im Politbüro der SED über weitere Möglichkeiten nach, an Devisen zu kommen und beschloß die Einrichtung eines Versandhandels (GENEX). Da konnten nun die Verwandten und Freunde im Westen für harte DM alles bestellen, Häuser, Autos, Kuren, Schmuck, einfach alles.

Und nun zeigte sich, dass selbst die Genossen scharf auf Westwaren waren und ihre sozialistische Gesinnung sie nicht davon abhielt, bei ihren Westverwandten diese Luxusgüter anzufordern.
So fuhr dann auch die Schulleiterin von Küstrin-Kietz, stramme SED-Genossin, eines Tages mit ihrem VW-Golf durch den Ort, ohne sich zu schämen. Den Golf hatten ihre aus der DDR geflüchteten Eltern über GENEX für sie bezahlt.

Als unsere Tochter 18 Jahre alt war, bestellten wir für sie einen Pkw Wartburg. Damals hatte sie sich halb tot gelacht, denn wir hatten keinen Pfennig in der Tasche. Das war 1972.
Ausgeliefert wurde der Wartburg Anfang 1989. Da hatte sie das Geld nun gespart. Aber sie war inzwischen verheiratet – der Wagen wurde nicht mehr gebraucht, da der Ehemann ein eigenes Auto hatte. Für einen Aufpreis von 2000,-M verkauften sie das Auto sofort.
Das war ihr Glück. Ein Jahr später hätten sie nach der Wende für den Wagen nur noch einen Bruchteil des Kaufpreises erhalten.




Die allmächtige Staatssicherheit und ihre Schergen

Als ich meine STASI-Akten einsehen konnte, wurden mir 13 Stasi-Spitzel mit Deck- und Klarnamen – alle auf unsere Familie angesetzt – benannt. Welch ein Aufwand. Wir waren ja keine Feinde des Staates, wollten nur einen demokratischen Sozialismus und hatten auch nie am aktiven Widerstand teilgenommen. Allerdings hatte ich nie mit meiner Kritik an den Zuständen gespart, meine Meinung immer frei geäußert.

Drei Personen unseres Lehrerkollegiums hatten sich von der STASI anwerben lassen, darunter ein Ehepaar mit Decknamen Helga Krüger und Franz Müller. Wenn es um unsere Kinder ging, hatte mir der Franz immer besonders zugesetzt. Noch heute klingen mir seine Worte in den Ohren: "Wir bilden keine Staatsfeinde in unseren Universitäten aus. Dafür sind uns die Arbeitergroschen zu schade. Wenn sich Eure Kinder in der Jugendweihe nicht zum sozialistischen Staat bekennen wollen, werden sie draußen bleiben. Unsere Arbeiter- und Bauernkinder werden an ihre Stelle treten."

Wer nun glaubt, der "Fanz" wäre nach der Wende von der politischen Bühne verschwunden und hätte sich seiner Tätigkeit geschämt, der hat sich geirrt. Auf der PDS-Liste wurde er in die Gemeindevertretung gewählt, konnte aber zu seinem Bedauern nicht die ganze Legislaturperiode durchhalten.
Nachdem ein Antrag, alle Gemeinderäte auf STASI-Mitarbeit überprüfen zu lassen, mit Mehrheit angenommen worden war, legte er sein Mandat vorzeitig nieder und sagte auch der PDS ade. Im Augenblick ist er rege im Verband der Vertriebenen tätig.
Als er in Kostrzyn im Beisein des polnischen Bürgermeisters zum "Ehrendragoner" ernannt werden sollte, platzte mir der Kragen. Ich deckte die STASI-Tätigkeit des Franz, seine SS-Mitgliedschaft vor der Kapitulation und seine Funktion als Parteisekretär der SED mit lauter Stimme auf. Die Veranstaltung wurde daraufhin abgebrochen und ich wüst beschimpft.

Wenig später erhielt ich eine Vorladung zu einem Schiedsgericht. Nur beim "lieben Gott", der ja sicher auch mitgehört hatte, sollte ich mich nicht entschuldigen, sonst waren fast alle Personen aufgeführt, die damals anwesend gewesen waren. Dass ich inzwischen meine STASI-Unterlagen in den Händen hielt, hatte der "Franz" wohl nicht angenommen.
Trotz dieser Niederlage agiert "Franz" tüchtig im Verband der Vertriebenen weiter und auch in der "Märkischen-Oder-Zeitung" darf er weiter seine Meinung kundtun. Und selbst der Kreisvorsitzende des Vertriebenen-Verbandes glaubte dem "Franz" mehr als mir, und drohte mir telefonisch mit einer Verleumdungsklage vor Gericht.

Nichts umsonst heißt es im Volksmund: Gegend Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.
Da wohnt in Küstrin-Kietz eine alte ehrwürdige Dame, von allen geachtet und geliebt. Ihr Sohn war republikflüchtig geworden, so hatte sie viele Jahre allein ihre Tage verbracht. Ein Zimmer hatte sie untervermietet und den dort eingezogenen Untermieter stets liebevoll umsorgt.

Doch nun hatte der Sohn mit Ehefrau eine Besuchserlaubnis bekommen. Es gab eine große Begrüßungsfeier und alle Freunde des Hauses wurden zum Nachmittagskaffee mit selbstgebackenem Kuchen eingeladen. Als wir da am Tisch gemütlich den Kaffee trinken, sagt die Dame des Hauses ganz unerwartet zu ihrem Sohn: "Ach der Herr 'Inge Hauser' (nennen wir ihn einmal mit seinem Decknamen) sitzt doch jetzt ganz allein in seinem Zimmer, der Kuchen reicht doch für alle, hole ihn mal herüber an unseren Tisch."
Und Herr 'Inge Hauser' kommt auch, schlürft genüßlich den ihm servierten Kaffee, läßt sich den Kuchen schmecken – und spitzt die Ohren.
Dass er das getan hat, habe ich erst nach vielen Jahren aus meinen STASI-Unterlagen ierfahren.

© 2004 Rudi Vogt