Leseprobe
Abschied vom Strand
Weit liegt der Strand
im Silberglanz
das Meer blauseidnes Reich
Septembermorgen aus der Tanz
Tribüne leer und bleich
Enttäuschte Strahlen aus dem Osten
recken sich stelzig auf
verwaiste Möwen auf den Pfosten
fallen steigen auf
Es ist als ob die Seele liefe
ins Leere der Natur
derweil die raue Bande schliefe
in jenseitiger Flur
Doch nach des Winters Sturmgezeiten
setzt sich das Ungetüm
längst Hinterwäldler schnöd bereiten
das neue Strandkostüm
Über den Wiesen der Kindheit
Der weißen Wolken Singen
und blauen Lüfte toll
ein filigranes Schwingen
dess ist der Himmel voll
Beseelte Jubelchöre
wie Kuppelklang der Kerche
Ich lausche und ich höre
sopraner Engelchor?
Profaner! stell dir vor
was dringet an dein Ohr
vollbringet eine! Lerche
Der diktierte Brief
August1968, Gefängnis Gießen, erster Brief der Mutter,
Routine-U-Haft, die ich vorzog, aus Gründen der Vorsicht
und Rücksicht auf die zu Hause
Mutter! Schrieb ich, Einzelzelle
Dein geliebter Sohn, ich sitz
Auf dem Hofe, böser Witz
Mörder, Diebe, Kriminelle
Zitternd steh ich in der Zelle
in der zitternd Hand Dein Brief
eine Wehmuts-Schauderwelle
mir durch meine Adern lief
Oh, Dein Brief war fast geraten
das große D, das war zu plump
das große D hat Dich verraten
das große D, das schrieb ein Lump!
Ach, mein Sohn, ich schrieb das D
Schrieb den Brief, ach Weh
hinter mir stand ungeniert
ein Geheimer, der diktiert
Fremder Hass den Text entwand
deiner braven Hand
Und es tilget mir den Schmerz
Schrieb es nimmer doch Dein Herz
Der kleine Poltergeist
Wir räkeln uns im Doppelbette
halb träumend und halb wach
bei mir die Liebe und die Nette
im Flur, der Wirbelwind schlägt Krach
Sie knallt ‘ne Puderdose gegen eine Wand
ie scheppert hin und her und niest
sie schnaubt Trompetenelefant
hier darf ich ich sein also Biest
Ich mag es wenn das „Halli-galli-Girl“
den Schultag-Turbo zündet
und wenn ihr „Schicki-Micki-Quirl“
in unsren Seelen-Spießrutenlauf mündet
Ich mag, wenn dreizehnmal die Klo-Tür hallt
sie Schminke
und das Frühstücksweichei
gegen den Spiegel knallt
wenn sie die Butter in eine Geschichte taucht
dazu der Mutter frech in das Gesichte faucht
Ich zwinkre mit geschlossnen Augen
lass sie doch wüten lass sie hampeln
wollt es nur für was Gutes taugen
soll sie auf meiner Seele trampeln
die Tür ins Schloss ab zum francais
Ich fühle Bildungstöchter-Glück
stößt mich ins Leere, lausch und späh
denn einmal kehrt sie nicht zurück
Wettlauf mit dem Tode
Was tätest du, wenn du von allen
Abschied nehmen könntest
eh du in schicksalhaften Hallen
nichts mehr zum Bessren wendest
Würdest wohl die ganze Welt
um Verzeihung bitten
und Geld und Händel einst frivol
vergessen ausgestritten
Und auch so mancher lief zum Pater
auf dem feilen Stuhle
seine Sünden möcht der Vater
spülen in der Suhle
Ach, welch Segen für die Welt
Garaus den dunklen Sorgen
wenn jeder stets vor Augen hält
dieser Tag wär morgen!
© 2007 Siegfried Menzer/Anke Puhlmann
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