Leseprobe
An ihrem 55. Geburtstag erfuhr Helene eine schmerzhafte Wahrheit. Es traf sie unvorbereitet. Der Schlag war daher um so bitterer ...Helene deckte den Tisch und ging zur Scheune, wo Georg und seine Mutter beim Buttern waren. Mutter und Sohn waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie Helene nicht kommen hörten. Käthes Stimme klang zufrieden: "Ich freue mich für dich mein Sohn. Sie scheint eine nette Person zu sein. Da hast du auch noch schöne Stunden in deinem Leben. Mit Helene ist ja kein Auskommen. Ich habe es wirklich versucht, das weißt du. Ich bin bestimmt kein zänkischer Typ. Aber diese Frau bringt mich zur Weißglut. Wie lange geht das schon mit dir und Grete?"
Geschmeichelt plauderte Georg sein Geheimnis aus. "Ein paar Monate läuft schon was. Grete gibt mir das Gefühl ein Mann zu sein. Sie ist so anhänglich und widerspricht mir nicht dauernd. Sie sieht zu mir auf. In der Gastwirtschaft sind alle ganz scharf auf sie. Dort arbeitet sie als Kellnerin. Nun, sie ist zudem zwanzig Jahre jünger. Sie ist geschieden und hat zwei Kinder. Und sie sieht sehr gut aus", fügte er stolz hinzu, so als wäre es sein Verdienst.
Helene stand da wie vom Donner gerührt. Ihr Verstand drohte auszusetzen. Trotz aller Streitigkeiten wäre sie nie auf die Idee gekommen, betrogen zu werden. Noch mehr konnte sie nicht ertragen. Sie stürmte in ihre kleine Wohnung und warf sich auf das Bett. Das war es also .... Käthe triumphierte also wieder einmal. Die Gedanken rasten.
Jünger dieses Wort stach ihr ins Gehirn. Sie stellte sich vor den großen Spiegel und betrachtete sich eingehend. Ja, die Falten sah man. Aber sonst ging sie immer noch als schöne Frau durch. Ihr grimmiger Gesichtsausdruck trug nicht gerade dazu bei, sie sympathisch erscheinen zu lassen. Helene verzog ihr Gesicht. Eine freundliche Grimasse grinste ihr entgegen. Du lässt dir nichts anmerken, schwor sie sich. Dann frisierte und kleidete sie sich sorgfältig. Nachlässigkeit, dieses Argument würde sie Georg künftig nicht mehr in die Hand spielen ...
Helene veränderte sich zunehmend. Sie wurde arrogant und sarkastisch. Käthes Sticheleien prallten an ihr ab. Sie gewöhnte es sich an, ein Streitgespräch bis zum bitteren Ende zu führen. Oftmals zehrte es an den Nerven, aber schaffte Triumph über Georgs und Käthes Nörgeleien. Jeder führte sein eigenes Leben.
Helene, die in den letzten Jahren Einkäufe in der Stadt mied, lernte Auto fahren und erledigte ihre Einkäufe selbst. Sie entwand sich dem Einfluss von Georg. Unfähig, auf das neue Selbstbewusstsein seiner Frau zu reagieren, flüchtete er sich mehr und mehr in den Alkohol und zu seiner Liebschaft. Helene besann sich unterdessen auf ihre verschütteten Talente. Sie abonnierte Modezeitschriften und entwarf neue Kleider, die sie mit Eleganz und Würde trug.
Sie pflegte wieder ihre äußere Erscheinung. Dabei spürte sie, wie Georg sie mit ungläubigen Blicken verfolgte. Die Zeit des Aschenputtels war vorbei. Käthe spielte keine Rolle mehr. Nichts konnte sie umwerfen. So dachte sie ... Helene lebte weiter in dem Haus und ging ihrer Arbeit nach. Sie ließ nichts und niemanden an sich heran.
Georg beobachtete Helene furchtsam. Wusste sie von seiner Beziehung zu Grete? Seine Geliebte drängte ihn, endlich reinen Tisch zu machen. Sie beschwor ihn, flehte und bettelte. Auch sie erkannte nicht, dass Georg die eingefahrenen Gleise nicht verlassen konnte. Ob nun aus Schwäche, Gewohnheit oder Mitleid, diese Frage konnte er ihr nicht beantworten. Käthe deckte das Verhältnis. Sie log für Georg, wenn dieser zu Grete schlich. Dieses ganzen Dramas überdrüssig, schockierte Helene eines abends Käthe. "Du brauchst dich nicht bemühen. Es macht mir nichts aus, dass Georg eine Freundin hat."
Für einen Moment trat Stille ein. "Wie lange weißt du es schon?" Käthe wusste nicht, wie sie reagieren sollte ... Georg trieb das Spiel auf die Spitze. Keine Nacht verbrachte er im Haus. Nach der Arbeit duschte er und verschwand. Helene verbrachte die Abende auf ihrem Zimmer. Manchmal besah sie sich im Spiegel. Bald würde sie sechzig Jahre alt werden. Und dann ... ?
Der unheilvolle 11. März 1970 brach an. Im Rückblick musste Helene sich eingestehen, dass nichts auf das nahende Unheil des Tages hindeutete. Er begann wie alle Tage. Morgentoilette, Tisch decken Schweigen. Georg blieb nach dem Frühstück noch im Haus, um Helene seine Entscheidung mitzuteilen. Käthe, die von seinen Plänen wusste, hielt sich im Nebenzimmer auf. Endlich entschloss sich ihr Junge, diese Person wegzuschicken. Sollte er Hilfe brauchen, sie war zur Stelle.
"Ich muss mit dir reden, Helene." Ohne großes Interesse schaute Helene ihren Mann an. Sein Gang war nun schon gebückter. Die Haare fast weiß, aber immer noch voll. Sein Gesicht wies tiefe Tränensäcke auf. Sein Blick hielt dem seiner Frau nicht stand. Die Luft war zum Schneiden dick. Der Hass der Eheleute vibrierte im Raum. "Ich will, dass du ausziehst!" Es war ausgesprochen.
"Aha, und an welches Altersheim dachtest du?"
"Werde jetzt nicht spitz. Du hast dich nie wohlgefühlt auf dem Hof. Das muss doch die Erlösung für dich sein!" Seine Stimme knarrte vor Erregung, wie eine ungeölte Tür.
"Gib mir meinen finanziellen Anteil, dann gehe ich." Kalt kamen die Worte seiner Frau.
Käthe betrat sensationslüstern den Raum. Auf die letzten Worten Helenes erwiderte sie kampflustig: "Was für einen Anteil meinst du denn? Doch nicht etwa die lumpige Erbschaft deiner Eltern?" Helene spürte die Kälte in sich aufsteigen. Diese Schweine wollten sie abservieren und das auf eine ganz miese Art.
"Du hast doch hier gut gelebt." Georg fiel wieder in das Wortgefecht.
"Ich habe meine Arbeit getan und euch den Rücken frei gehalten. Weder um den Haushalt, noch um Paul brauchtet ihr euch kümmern. Ich habe meinen Anteil an der Wirtschaft, auch wenn ihr es nicht wahrhaben wollt." Helene kämpfte.
Käthes ungezügelter Hass schlug ihr entgegen. "Georg hat dich behütet. Du hast alles von uns bekommen. Nichts davon hast du erarbeitet. Ich stehe heute noch im Stall. Du dagegen liest Paul gemütlich die Zeitung vor."
Das Kribbeln in Helenes Körper verstärkte sich.
"Sieh dich nur an", keifte die Alte weiter. "Ich bin froh, dass Georg endlich eine gefunden hat, die in unsere Familie passt. Du mit deinem Modefimmel. Hat nur Geld gekostet."
In Helenes Kopf hämmerte es nun unerträglich. Geld, immer nur Geld ... Sie hatte geschuftet und ebenso gearbeitet wie Käthe und Georg. Es störte die beiden also, dass sie sich wieder auf ihre Weiblichkeit besonnen hatte. Das blieb nun nach fünfundzwanzig Jahren übrig. Sie schnappte nach Luft, wollte schreien. Ein Kloß im Hals verhinderte den Ausbruch. Ihr Magen meldete sich. Helene wurde von dem Gefühl überwältigt, sich übergeben zu müssen.
Sie ballte unbewusst die Fäuste, der Körper versteifte sich, sie zwang sich, tief durchzuatmen. Diese Szene überstieg ihr Vorstellungsvermögen. Automatisch warf sie das Geschirrtuch auf den Tisch und hetzte auf den Boden. Sie wußte genau, was sie tat. Ihr Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Alles in ihr schrie nach Bestrafung, nach Gerechtigkeit, als sie die Stufen zum Dachboden hinaufhetzte.
In der Truhe fand sie die Pistole. Ohne über Konsequenzen nachzudenken stürzte sie zurück in die Küche. Dort standen immer noch diese Unmenschen, die ihr Leben endgültig zerstören wollten. Ratlos Georg, schadenfroh seine Mutter. Sie hob die Waffe, kein Gedanke daran, dass diese nach so vielen Jahren eventuell nicht mehr funktionieren könnte. In diesem Augenblick schien alles andere ausgelöscht.
Helene drückte ab. Georg fiel schwer auf den Fußboden. Ungläubig sein Blick, bevor er sein Leben aushauchte. Käthe schrie und hielt sich die Ohren zu, so als könne sie damit das soeben Geschehene rückgängig machen. Wie ein wundes Tier wollte sie sich auf Helene werfen. Die zielte kalt auf die alte Frau, drückte noch einmal ab und traf ihre Widersacherin in die Brust. Noch ein Schuss und noch einer, als ob sie sichergehen wollte, dass dieser Feind wirklich besiegt war.
Helene schaute auf die Leichen. Ein Gefühl der Erleichterung bemächtigte sich ihres Körpers. Die Welt wurde von einer ignoranten Brut befreit. Die Welt? Nein, die hatte sich nie für diese Menschen interessiert. Nur für sich hatte sie es getan!
© 2006 Sigrid Hent