Maria Georgi  
"Das Märchen von der wunderbaren blauen Blume"



Maria Georgi, Jahrgang 1959, Mutter von drei Kindern, lebt in Fürstenwalde.
Arbeitet als Erzeiherin im Kindergarten. "Schon immer hatte ich eine Schwäche für Geschichten, Märchen und Gedichte. Auch für selbst ausgedachte."
Das Märchen von der verlorenen blaume Blume ist das Abschiedsgeschenk für die Kindergartenkinder, die nun zur Schule gehen.

Maria Georgi




Vor vielen, vielen Jahren lebte in einem kleinen Dorf in einer Hütte am Waldrand ein Großvater mit seinem Enkel. Jeden Abend, bevor der Junge zu Bett ging, zündete sich der Großvater seine Tabakspfeife an und erzählte dem Jungen eine Geschichte.
Eines Abends im Sommer, als die Sonne sich schon blutrot färbte, um hinter dem Wald unterzugehen, saß der Großvater auf der Bank vor der Hütte und steckte sein Pfeifchen an. Der Junge, der bis dahin auf der Wiese vor dem Haus gespielt hatte, kam herbeigelaufen.
Behutsam hielt er etwas in den Händen und gab es dem Großvater. Es war eine kleine wunderschöne blaue Blume.

Der Großvater sah auf die Blume: "Weißt du, dass es eine Geschichte von einer blauen Blume gibt?", fragte er.
"Erzähl sie mir!", bat der Junge und setzte sich neben den Großvater.
Der Großvater sog an seiner Pfeife, nahm sein Enkelkind auf den Schoß und begann zu erzählen:

Es war vor langer Zeit. Damals verstanden die Menschen die Sprache der Tiere noch. Da gab es in einem fernen Land einen hohen steinigen Berg. Auf diesem Berg – so erzählte man sich – sollte eine wunderschöne Blume wachsen. Blau sollte sie sein, blau wie der Himmel, wenn keine Wolke zu sehen ist und zart sollte sie sein, zart wie das Netz der Spinne im Morgentau.
Und noch etwas erzählte man sich von dieser Blume: Sähe man sie – auch nur für einen kurzen Moment – so vergingen einem Sorgen, Traurigkeit und quälende Gedanken.

So machten sich viele auf den Weg, um die Blume zu suchen. Weit war der Weg und schwer! Viele kehrten unverrichteter Dinge wieder zurück. Einigen aber gelang es, die Blume zu finden und wie die Vögel kehrten sie freudig wieder und sangen und erzählten von der wunderbaren blauen Blume.

Davon hörte auch ein König. Dem war die Frau gestorben und seither fand er an nichts mehr Gefallen, so sehr trauerte er um sie. Auch er machte sich auf, um die Blume zu finden und sein Leid zu mildern. Viele Tage, Wochen und Monate war er unterwegs. Sein Pferd lahmte schon auf einem Bein, die Kleider waren zerrissen und Hunger und Durst quälten ihn. Schon wollte er umkehren, denn er glaubte, die Blume nun nicht mehr zu finden. Da sah er in der Ferne einen Berg, auf dessen Gipfel es seltsam leuchtete ...

Als er endlich den Gipfel erreicht hatte, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen! Eine Blume blühte vor ihm, schöner als er sie sich je erträumt hatte. Sanft schaukelte der Wind ihre Blütenblätter. Ein wunderbarer Klang umgab die Blume. Alle Traurigkeit und Schwermut fiel von ihm ab. Dem König war, als höre er seine Frau leise singen, als spräche sie sanft mit ihm. Sein Herz wurde ihm leichter und er begann den Berg wieder hinab zu steigen.

Mit einem Mal aber hielt er inne. Er dachte bei sich: Wenn mir die Blume jetzt geholfen hat, mein Leid zu mildern, kann sie das sicher auch weiterhin. Aber warum soll ich mich jedes Mal neu auf diesen beschwerlichen Weg machen? Ich werde sie mitnehmen!
So stieg er wieder hinauf und lief zur Blume zurück. Mit seinen Händen zog er die Blume aus dem Boden. Doch kaum hatte er sie dem Erdreich entrissen, da verfinsterte sich der Himmel. Ein gewaltiger Sturm brach los und entriss ihm die blaue Blume. Die feinen zarten Blütenblätter, den Stängel und die Wurzel zerriss er in tausend kleine Stücke und trug sie fort, weit fort. Vergebens warf sich der König weinend zu Boden. Die blaue Blume holte er nicht wieder zurück!

Der Junge war erschrocken aufgefahren. "Und nun ist die blaue Blume verloren, für immer verloren?", fragte er ängstlich.
Der Großvater legte die Pfeife beiseite und nahm den Jungen fest in die Arme. "Ja, die blaue Blume, die ist seither verloren. Es kennt auch niemand mehr den Berg, auf dem sie blühte.
Aber die tausend kleinen Stücke der Blume, die sind nicht verloren, man kann sie noch heute finden. Doch es ist fast so schwer wie damals und man muss sehr empfindsame Augen und Ohren haben, um sie zu entdecken: im Gesang der Vögel, auf den Händen, die man sich zur Versöhnung reicht, im Morgentau auf den Wiesen, in den Augen eines lächelnden Menschen ..."


Großvater und Enkel



Das  Märchen von der verlorenen blauen Blume



Die blaue Blume

© 2007 Maria Georgi