Franz Ritter: Vor 100 Jahren in Jacobsdorf. Format 14 x 20,5 cm, Paperback, 78 Seiten
ISBN 978-3-9809931-5-9 Preis: 9,00 Euro
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Rezension
Leseprobe
Die Eltern Friedrich Ritter und Marie Fettke
Am 15. Dezember des Jahres 1892 wurde ich in Jacobsdorf geboren. Es war ein sehr kalter Winter, den meine Mutter schon deshalb nicht vergessen oder verwechseln konnte, weil zur Zeit meiner Geburt ihr Onkel, ein Waldarbeiter, erfror. Beim Heimmarsch trennte er sich im Walde von seinen Kollegen, um seine Notdurft zu verrichten. Die Kollegen gingen weiter. Der Onkel traf aber zu Hause nicht ein. Am anderen Morgen fand man ihn, nicht weit von der Stelle, wo er sich von den Kollegen getrennt hatte, erfroren auf.
Ich war der zweite Sohn meiner Eltern. Mein Bruder war ein Jahr vorher, am 21. Dezember geboren worden, er hieß Paul. Er starb bald nach Vollendung des zweiten Lebensjahres. Als ich drei Jahre alt war, bekam ich wieder einen Bruder. Meine Eltern hatten sich auf den Namen Paul versteift und nannten den Neugeborenen ebenfalls so. Aber auch dieser Bruder blieb nicht am Leben. Im siebenten Monat seines Lebens ging von uns.
Unser Gehöft war nicht groß. Es lag im Hintergrund eines langgestreckten Anwesens, das mein Großvater vor langer Zeit geteilt hatte (heute Schulgasse 1 und 2). In dem an der Hauptstraße gelegenen Teil lebten in dem mit Stroh gedeckten Wohnhaus, das mit dem Giebel zur Straße hin stand, die verheirateten Schwestern meines Vater. Im hinteren Teil, etwas abseits von der großen Hauptstraße, an einem Durchgang, der die Hauptstraße mit der anderen Dorfstraße verband, hatte mein Großvater die massive Scheune zu einem Wohnhaus mit einer großen und einer etwas kleineren Stube, einer großen Kammer, Flur und Küche umbauen lassen, mit angebautem Stall für Kuh, etliche Schweine und Pferd.
Vor den Ställen die Dunggrube, etwas Platz daneben für den Wagen, und dahinter ein Wagen-, Ackergeräte- und Holzschuppen vervollständigten das Anwesen. Eine Pumpe, direkt auf der Gehöftgrenze stehend, gehörte beiden Teilen. Der bereits erwähnte Durchgang führte auch zum Haupteingang der Kirche und zur Schule. Kirche und Schule waren unsere Nachbargebäude.
Die Böttcherei
Mein Vater hatte bei seinem Vater, wie es in unserer Familie Tradition war, die Stellmacherei und die Böttcherei gelernt. Auf dem Platz vor dem Hause arbeitete er bei schönem Wetter an den Gefäßen, die ihm die Bauern zur Reparatur brachten. Damals hatte noch jedermann Waschwannen, Eimer, vor allem Stalleimer, aus Holz, Handfässer für die Ziegen und große Tienen, runde, etwa 80 cm hohe Waschgefäße.
Alle diese Holzgefäße hatten für uns die gute Eigenschaft, im Sommer öfter zusammenzufallen. Sie standen zu trocken oder es rostete ein Blechband durch oder mit der Zeit faulten einzelne Stäbe oder gar der Boden raus. Wohin nun mit dem sonst noch intakten Gefäß?
Weit und breit in unserer Gegend war niemand sonst, als mein Vater, der da helfen konnte. Die Stäbe der Wannen wurden vorher genau so zusammengefügt, wie sie gesessen hatten; dann nahm Vater das obere Blechband und nun war Hilfe erforderlich, die Mutter oder auch schon ich leisten mussten. Wir hielten das Band in angemessener Höhe, und Vater stellte die Stäbe rundherum und direkt aneinander. Jetzt zog er das Band fest nach oben, und der erste ordentliche Halt des Gefäßes war wieder hergestellt. Anschließend drehten wir dasselbe um und nun konnte auch das untere Band mit Hilfe von Hammer und Meißel aufgezogen werden. War der alte Boden noch in Ordnung, wurde er jetzt wieder eingesetzt. Anderenfalls musste er erneuert werden. Genauso verhielt es sich mit den einzelnen Stäben des Gefäßes.
Holten dann die Kinder sich dasselbe ab, freuten sie sich, dass alles wieder heil und für wenig Geld in Ordnung war. Mein Vater hatte sich damit eine konkurrenzlose Existenz geschaffen.
Billige Holzpantoffeln
Daneben wurde immer mehr die Holzpantoffelfabrikation zur Hauptbeschäftigung meines Vaters. Es gab wohl im Ort bei den beiden Kaufleuten Holzpantoffeln zu kaufen, aber immer nur neue. Doch fast alle Leute besaßen Leder von verbrauchten Stiefeln und abgelaufenen Pantoffeln, das sie bei uns loswerden konnten. Das war in weitem Umkreis, wohl nur bei uns möglich.
Unsere Kundschaft freute das, denn durch die Verarbeitung des von ihnen gelieferten Leders verbilligte sich der Erwerb fast um die Hälfte. Aber auch vollkommen neue Pantoffeln fertigten wir an. Jede Woche holte mein Vater, oft auch Mutter, eine große Rindshaut aus Frankfurt vom Lederhändler.
Meine Mutter (Marie Ritter, geb. Fettke, 18661953) begann frühzeitig, einen ambulanten Handel mit Holzpantoffeln zu treiben zu treiben. Dieser Schritt ist ihr als Tochter eines mittleren Landwirtes sicher nicht leicht gefallen. Als jedoch die erste Bitternis überwunden war, kam sie, wie die meisten Handels- und Geschäftsleute ihr Leben lang nicht mehr davon los.
Zu ihrem Handelsbereich gehörten Biegen, Pillgram, Sieversdorf und Petersdorf. Die Jacobsdorfer Kundschaft besuchte uns im Haus. Wenn für einen Ort alle Bestellungen angefertigt waren, nahm Mutter ihren Tragekorb, verstaute alles darin, eventuell lag auf dem Korb noch ein zusätzlicher großer Beutel, verschnürte alles fest und zog los.
War die Last manchmal zu schwer, lud mein Vater sich den Korb auf, und in aller Hergottsfrühe trug er denselben bis zu Mutters Ziel. Hier übernahm meine Mutter den Korb, und Vater trabte eiligst zurück. Er trabte tatsächlich, weil ein Dauerlauf von einem Ort zum anderen ihm ein Vergnügen war. Jedenfalls im damaligen Alter.
Freund Bernhard
Als ich mich im vierten oder fünften Lebensjahr befand, stieß ich auf meinen kleinen Streifen in der Nähe unseres Gehöftes auf ein ungefähr gleichaltriges Kerlchen, Bernhard mit Namen (Bernhard Scharnow, 18921958). Er wohnte ganz in unserer Nähe. Von nun ab waren wir unzertrennliche Spielgefährten. Und welche Spielmöglichkeiten gab es auf dem großen Bauernhof von Bernhards Eltern (heute Hauptstr. 29).
Der Hof, die Schuppen, das Backhaus, die lange Scheune mit den zwei Toren und hinter der Scheuen der große Garten. Von alldem gab es bei uns nichts. War das Wetter gut, hausten wir auf dem Hof oder im Garten, war schlechtes Wetter, spielten wir im Zimmer von Bernhards Großeltern, wo sich all die herrlichen Bleisoldaten, Kanonen, Burgen, Festungen usw. befanden. Oder wir gingen in den Wagenschuppen, in dem die große Kutsche stand. Auch auf den Scheunenfluren waren wir zu finden. Dort kletterten wir nicht nur auf den Maschinen herum, sondern spazierten sogar auf dem Gebälk über dem Flur umher. Das wäre uns bei meinen Eltern niemals erlaubt worden. Hier aber sah niemand nach dem, was wir trieben.
Auch der große, auf der gegenüberliegenden Straßenseite gelegene Garten gehörte Bernhards Eltern. Dieser stieß in seinem hinteren Teil an einen der beiden großen Dorfteiche, den Fenn. Ein Zaun trennte wohl den Garten vom Wasser, aber eine Tür im Zaun führte unmittelbar auf einen ins Wasser hineingebauten Steg. Wie gruselig war es für mich immer, denselben mit einem kurzen Schritt zu betreten. Wir waren ja noch Knirpse.
Als wir eines Tages wieder einmal hier weilten, nahm Bernhard einen Eisenhaken und fischte damit dicht am Steg im Wasser umher. Plötzlich hob er mit dem Haken eine Fischreuse hoch, in der sich einige nicht zu große, aber recht fette Fische gefangen hatten. Er erzählte, daß sein Vater rund um den Kalmuswall, der sich im Teich gebildet hatte und ziemlich ausgedehnt war, noch verschiedene Reusen ausgelegt habe. Wenn er sie heben wollte, benutze er den ausrangierten großen Trog, in dem man das geschlachtete Schwein abbrühte, und der hier am Steg festgelegt war. Jetzt diente er als Kahn.
Wie oft sind wir später mit demselben um den Wall herumgefahren und haben nachgesehen ob Fische in den Reusen waren. (Der Fenn wurde nach dem II. Weltkrieg allmählich zugeschüttet, heute befindet sich dort der Dorfplatz)
Foto: Der Fenn
Schulzeit
Plötzlich war die Schulzeit herangerückt. Schiefertafel und Stifte waren besorgt, ebenso die Fibel. Eine Mappe habe ich nie besessen, denn die Schule war ja unser Nachbarhaus. Ostern nach meinem sechsten Jahre zog ich mit noch drei anderen Bürschchen und sechs Mädchen in das erst vor einigen Jahren erbaute Schulhaus ein (heute Schulgasse 3).
Ich hatte es nicht weit, denn ein Stückchen weiter in dem krummen Gang, der die beiden Dorfstraßen miteinander verband, stand das Schulhaus. Diese Nachbarschaft nutze ich gehörig aus. Um acht Uhr begann der Unterricht. Um dreiviertelacht wurde die kleinste Kirchenglocke in Bewegung gesetzt, um zum Schulgang zu mahnen. Da die Glocke einen sehr hohen Ton hatte, sagten wir, es klimpert. Kinder von weither zogen dann schon an unserem Hof vorbei. Dann erst bekam mich meine Mutter aus dem Bett. Das heißt, um acht begann der Unterricht erst nach dem zweiten Schuljahr. Zuerst ging es für uns um zehn Uhr los.
Im Parterre-Klassenraum unterrichtete der erste, ältere Lehrer die ersten vier Klassen und im oberen Stockwerk wirkte der zweite, jüngere Lehrer mit den übrigen Jahrgängen. Bei dem älteren Lehrer war bereits meine Mutter zur Schule gegangen. Er wirkte imponierend und beängstigend mit seiner stattlichen Gestalt und dem graumelierten Vollbart. Jedenfalls auf uns Knirpse. Unterrichtet wurden wir aber von seinem Schwiegersohn, dem zweiten Lehrer.
Ging ich sowieso schon ungern zur Schule, so trug dieser Lehrer noch zusätzlich dazu bei, mir jede Lust und Freude zu nehmen. Nie hörte man ein freundliches, aufmunterndes Wort von diesem kurzbeinigen, kleinen Kerl. Immer war er ärgerlich und verdrossen.
Von der Schule hatte ich bald genug gehabt. Nahm sie mir doch einen Teil meiner Spielzeit. Erstens durch die beiden Unterrichtsstunden, und dann noch durch die Überei des "i" zu Hause. Waren die "i" usw. nicht so wie der Lehrer sie haben wollte, so musste man zum Katheder kommen, auf dem er thronte, und es gab einige scharfe Schläge mit dem Stock oder mit dem Lineal auf die innere Handfläche. Man wusste dann oft vor Schmerzen nicht wo man die Hand lassen sollte.
Nachdem ich dies längere Zeit ertragen hatte, klagte ich es meiner Mutter. Aber ihre Vorstellungen deswegen beim Lehrer hatten so gut wie keinen Erfolg. Ich schrieb gewiss nicht gut, aber durch diese Lehrmethode wurde davon auch nichts gebessert. Im Gegenteil, ich wurde allmählich gleichgültig und unempfindlich gegen die Strafen des Lehrers. Den ganzen Schulbesuch, den ich bisher nicht geliebt hatte, fing ich nun an zu hassen.
Wie sehnte ich immer den Schluss der letzten Unterrichtsstunde herbei. Wenn sich meine Schulgenossen nach Schluss des Unterrichtes noch vor dem Schulgebäude umhertrieben, spielten, erzählten oder sich balgten, stürmte ich mit aller Macht nach Hause. Nur um nichts mehr von diesem Gebäude zu sehen und zu hören, das mir so verleidet war, durch diesen harten lieblosen Menschen.
Foto:Jacobsdorfer Schulkinder
Foto: Schulhaus und Kirche
Unsere Klassenräume hatten jeder vier große Fenster. Der Lehrer saß auf seinem Katheder, das, wenn man den Raum betrat, an der rechten Querwand aufgestellt war. Rechts von ihm, am Fenster, stand die große Schultafel. Links, in der Nähe der Tür, war der breite Ofen. Wenn der Lehrer in den Klassenraum blickte, so hatte er zur Rechten, an der Fensterseite, die Mädchen und zur Linken die Bankreihen der Jungen zu überschauen.
Wir konnten uns nicht setzen wohin wir wollten, sondern wurden vom Lehrer nach Können und Wissen gesetzt. Der klügste der Jungen und das klügste Mädchen saßen auf der vom Lehrer entferntesten Bank an der anderen Querwand, und zwar auf dem ersten Platz am breiten Mittelgang. Die Dümmsten hatte der Lehrer dicht vor sich zu sitzen.
Mein Freund Wilhelm hatte sich den ersten Sitz erobert. Ich hatte mich ihm, durch sein gutes Vorbild angestachelt und infolge brauchbarer Arbeiten, bereits soweit genähert, dass wir eines Tages nebeneinander saßen. Nie mehr wurden wir bis zum Ende der Schulzeit aus dieser Sitzordnung vertrieben. Und obwohl ich höchst ungern zur Schule ging, strengte ich mich sehr an, um den zweiten Platz nicht aufgeben zu müssen. Wir beide überholten bald auch die Jungen, die ein Jahr vor uns mit dem Schulbesuch begonnen hatten.
Nachdem wir bereits zwei Jahre bei dem alten Lehrer Kusatz absolviert hatten, gab er endlich die Lehrtätigkeit auf. Nun erhielten wir einen neuen Lehrer. Er hieß Kleindienst und war ein gedrungener Mann in mittleren Jahren. Das war ein Lehrer! Hier konnte man etwas lernen. Und wir lernten. Für einen guten Schüler war es jetzt eine Freude, an solchem Unterricht teilzunehmen. Leider standen uns nur noch zwei Jahre zur Verfügung. Doch mein Freund Wilhelm und ich nutzten die Zeit, die uns noch verblieb.
Pflaumenernte
Oft ging ich im Winter mit Mutter abends zu den Großeltern (Marie und Gottfried Fettke). Vater arbeitete meistens bis zehn Uhr. Wenn wir beide im Winter bei den Großeltern eintraten, schlug uns eine herrliche Wärme. Es roch wunderbar nach trockenen Kiefernholz, das hinter dem breiten Ofen aufgestapelt war. Und auch nach Kien duftete es. Zum Frühstück gab es immer eine große Schüssel voll Milch- bzw. Brotsuppe, außerdem lag das große, schöne selbstgebackene Bauernbrot auf dem Tisch und daneben stand ein Steintopf mit Pflaumenmus, das im Herbst in Mengen gekocht worden war.
Zur Zeit der Pflaumenernte hatten meist schon Herbstferien. Onkel Karl, der noch immer unverheiratet war, und ich pflückten den ganzen Tag. Korb für Korb schafften wir vollgefüllt zum Hause. Hier saßen mehrere Frauen und entsteinten die Früchte. In der Küche prasselte das Feuer unter dem großen Kessel und eine der Frauen und am Abend auch Onkel rührten ununterbrochen mit der langstieligen "Muskrücke" in den kochenden Pflaumen umher, um das Anbrennen zu verhindern.
Viele Tage hindurch dauerte diese Arbeit. In guten Erntejahren war die Menge der Früchte kaum zu bewältigen. Meine Mutter half abends ebenfalls beim Entsteinen. Wenn wir heimgingen, duftete das ganze Dorf nach frischem Pflaumenmus. Es kochte auch fast jedermann, der Winter war lang und dieser Brotaufstrich war billig und schmeckte gut.
Mit der Kutsche nach Lietzen
Während meiner acht Schuljahre klopfte es bei schönem Sommerwetter öfter an der Klassentür, und der Lehrer verhandelte mit einem draußen stehenden Manne. Anschließend sagte der Lehrer, ich solle meine Bücher nehmen und nach Hause gehen. Ich wusste nun, mit wem der Lehrer gesprochen hatte mit meinem Großvater.
Vor der Schule wartete er auf mich. "Geh schnell und zieh' dich um und dann komm zu uns. Onkel spannt schon die Pferde vor die Kutsche, wir wollen nach Lietzen fahren." Im Handumdrehen war ich fertig und jagte dem großelterlichen Hofe zu. Großvater setzte sich hinten in die Kutsche hinein, während ich mich vorn zu Onkel setzte. Das breite Fußleder über unseren Beine wurde an den Armlehnen zugehakt, und die beiden unruhigen Füchse zogen an. Bald hatten wir das Dorf hinter uns gelassen und die freie Chaussee erreicht.
Nun griffen die Füchse flott aus. Großvater und Onkel sahen sich interessiert die Felder neben der Straße an und machten sich auf manche Dinge gegenseitig aufmerksam. Gleich nach Petersdorf wird die Gegend nach Petershagen zu bergig. Die Chaussee erklimmt ganz gehörige Höhen. Kaum ist die Talsohle erreicht, steigt die Straße wieder an. So geht es abwechselnd, bald bis zum nächsten Ort.
Auf halbem Wege, im tiefen Tal, tritt etwas Wald bis zur Chaussee heran. Ein Waldweg von Madlitz nach Sieversdorf kreuzt hier die Chaussee. Anschließend steigt der Weg steil an, und von der kommenden Höhe sieht man Petershagen in einiger Entfernung vor sich liegen. Mein Onkel ließ auf einigermaßen ebenem Weg nun die Pferde flott laufen. Petershagen durchquerten wir und kamen jetzt in einen Feldweg. Nach Lietzen führte keine Chaussee. Bald nahm uns ein Wald auf.
Nachdem wir hier einige Zeit gefahren waren, kamen wir zum Schloss Falkenhagen. Nun führte der Weg tief hinab bis dicht an einen See. Am Wasser entlang ging es jetzt weiter. Den Wald hatten wir hinter uns gelassen. Zu beiden Seiten des Weges sahen wir wieder Felder. Plötzlich bemerkte ich an den Wegebäumen reife Süßkirschen. Onkel hielt die Pferde an und Großvater kaufte mir von den Pflückern eine große Tüte voll von den herrlichen Früchten.
Wir konnten Lietzen bald liegen sehen. Im Ort fuhren wir bis zu einem schönen Bauernhof, der etwas abseits von der Straße hinter einem kleinen Teiche lag (heute Hinterstr. 1). Der Torweg tat sich auf und wir waren wir umringt von vielen jungen Männern, Großvaters Neffen. Von hier also war meine Großmutter gekommen.
Schützenfest in Fürstenwalde
In allen Ferien verbrachte ich stets einige Zeit in Fürstenwalde. Tante und Onkel wohnten in der Buckower Straße. Auf dem Hofe war am Vorderhaus ein flacher Seitenflügel angebaut, in dem sich eine schöne große Küche mit anschließendem Zimmer befand. Das war Tantes Wohnung. Gegenüber auf dem Hofe, etwas weiter nach hinten gerückt, stand eine Art Wirtschaftsgebäude für Holz, Kohlen und Geräte. Ganz im Hintergrund und anschließend an den Seitenflügel war sogar noch ein kleiner Garten vorhanden. Besonders im Sommer spielte sich viel vom Leben und Treiben der Bewohner auf dem Hofe ab.
Besonders schön war es immer zu Pfingsten. Dann veranstaltete Die Fürstenwalder Schützengilde ihr "Königsschießen". Dabei wurde der neue Schützenkönig festgestellt. Am ersten Feiertag marschierte die Gilde mit einem Musikzug vornweg zum Festplatz vor der Stadt. Hier, in einem lichten Wäldchen, befand sich der Schießstand.
Gleichzeitig war aber auch alles an Buden, Karussells, Schaukeln usw. auf dem Gelände aufgebaut, was zu einem Schützenfest gehörte. Für einen Jungen vom Dorfe war das alles herrlich.
Wir marschierten selbstverständlich wie viele Kinder mit dem Schützenzug mit. Und dann all die Herrlichkeiten, die es auf dem Festplatz zu sehen und zu kaufen gab. Erst als es zu dunkeln begann, konnten wir uns vom Festplatz trennen. Die Schützen hatten während des ganzen Tages eifrig geknallt.
Nach dem Abendbrot waren wir recht müde vom Trubel des Festes und schliefen schnell ein. Am zweiten Feiertag wiederholten sich die Freuden des Vortages. Mich zog es besonders zu den Ausschreiern hin. Sie standen auf ihrem langen Tisch, liefen auch darauf hin und her und priesen mit erstaunlicher Zungenfertigkeit ihre Ware an, die an einem Ende des Tisches aufgestapelt lag. Was der Ware an Qualität fehlte, ersetzten sie durch witzige Redewendungen. Und sie machten gute Geschäfte. Am Abend des zweiten Feiertages hatten die Schützen ihren neuen König ermittelt und die Gilde marschierte mit Musik zur Stadt zurück.
Konfirmation und Schulentlassung
Nach der Einsegnung ging ich, wie alle es taten, öfter abends zur Gastwirtschaft. Drei hatten wir damals im Ort. Man übte das Billardspiel und trank auch Bier. Und wir Jungs durften jetzt öffentlich rauchen. Das war das Zeichen der Mannbarkeit für uns.
Geübt hatten mein Freund Wilhelm und ich dieses Laster schon längst. Wilhelm hatte einen um vier Jahre älteren Bruder. Zu diesem kamen Sonntags Freunde um Karten zu spielen und dabei rauchten alle. Mein Freund hatte sich vom Bruder einige Zigaretten besorgt und sagte zu mir, komm wir gehen in den Keller und probieren das auch einmal.
Leider gelang uns dieses Unternehmen viel zu gut. Nie mehr konnte ich seither ohne Zigaretten fertig werden. Es ist ein schreckliches Laster. Glücklich ist der zu preisen, der ohne dem auskommt. Ich aber kann und mag es auch nicht mehr missen.
Standesdünkel in Kirche und Gastwirtschaft
Etwa zwei Jahre nach unserer Konfirmation trat ein Ereignis zwischen meinem alten Freunde Wilhelm Kaiser und mir ein, das ich niet verwunden habe. Ich merkte, dass er sich allmählich von mir zurückzog. Und bald beobachtete ich, dass er sich einem eben konfirmierten Großbauernsohn zuwandte. Da mein Freund auch ein Bauernsohn war, während mein Vater sich "nur" Büdner nennen konnte, passte der Umgang mit mir ihm oder seinen Angehörigen vielleicht nicht mehr.
Der Standesdünkel grassierte unerhört in meinem von so vielen Groß- und Kleinbauern bewohnten Heimatort. Nach denen kamen die Kossäthen, meist mit zwei Pferden bestückt. Jetzt folgten die Büdner mit einem Pferd, die aber außerdem meist noch ein Handwerk betrieben. Dann die Häusler und zum Schluss die Tagelöhner und sonstige Arbeiter.
Die Plätze im Gotteshaus waren ganz auf diese Reihenfolge verteilt worden. Vom Altar aus gesehen saßen die Frauen rechts und links die Männer. Niemand rückte weiter. Wer an der Wand seinen verordneten Platz besaß, hatte denselben dort einzunehmen. Er musste sich an den anderen vorbeizwängen. Stur und wie angenietet hockte jeder fest auf seinem Sitz.
Ebenso war der Besuch in den Gastwirtschaften geregelt. Die Bauern hatten ihren Verkehr bei Heidenreich, auch nebenbei Landwirt. Hierher durften auch noch die Kossäthen und, schon weniger gern gesehen, mancher dreistere Büdner.
War hier Tanz- oder gar Vereinsvergnügen, sah man keinen Vertreter einer "geringeren" Klasse. Bei Heidenreich tagte der Gesangverein, nur aus Bauern und deren Söhnen zusammengesetzt.
Am winterlichen Gesangvereins-Ball konnten nur geladene Gäste teilnehmen. Dabei war man dann ganz unter sich.
Beim Gastwirt Leffin, ebenfalls dabei Landwirt, feierte der Kriegerverein seine Feste. Im Kriegerverein waren die Stände etwas durcheinander gewürfelt. Alle einte die verflossenen Militärzeit während der Kriege 1864, 1866, 1870/71.
Beim Gastwirt Bleek, der nebenher noch durch seine Frau einen Kaufmannsladen betreiben ließ, verkehrte ungefähr dasselbe Publikum wie bei Leffin. Auch gab es bei diesen beiden Wirten regelmäßig die üblichen Keilereien. Ohne die dazugehörige Schlägerei, war es für manche kein richtiges Tanzvergnügen. Niemals, das muss man zugeben, kam derartiges beim Gastwirt Heidenreich, dem Bauernlokal, vor.
Nachdem ich nun, zum besseren Verstehen meines neuen Verhältnisses zu meinem bisherigen Freunde Wilhelm Kaiser, die Standesverhältnisse in meinem Heimatorte geschildert habe, möchte ich zur vorhin angedeuteten Lage der Dinge zurückkehren.
Die Angehörigen meines Freundes nahmen also als sicher an, dass ich ja doch in Zukunft anderen Kreisen angehören würde, und daher nicht mehr der richtige Umgang für ihren Sohn sei. Das war, nach dem bei uns seit alten Zeien eingebürgerten System, verständlich. Für mich aber war es unerhört bitter.
Geld verdienen
Wenn die Gutsverwaltungen der Nachbardörfer Frauen und Kinder zum Unkrautjäten suchten, war ich immer dabei. Nach dem Gut in Petersdorf ging ich wochenlang Weiden pflanzen. Etwa 20 Zentimeter lange Weidenstöckchen wurden in tiefgelegenen Landstrichen einzeln in bestimmten Abständen in die Erde gesteckt. Jeder erhielt einen eisernen angespitzten Stecher, ein Ding wie ein Feuerhaken, nur am Ende nicht umgebogen, sondern angespitzt. Zum Hineindrücken der Stöckchen in die Erde bekam man noch eine lederne Scheibe, die an der Innenhandfläche angeschnallt werden konnte. Korbweiden wollte hiermit das Gut später ernten.
Und dabei hätte ich das alles nicht nötig gehabt. Aber ich wollte auch das mal versuchen, und ich wollte selbstverdientes bares Geld in der Hand haben. So ging ich auch nach Kersdorf zu Mutters Schwester (Emilie und Rudolf Grunow).
Onkel fuhr Lang- und Brennholz. Das war eine schöne Arbeit im herrlichen Wald. Besonders das Langholzfahren machte Freude. Aber es erforderte große Geschicklichkeit beim Fahren des schwerbeladenen langgestreckten Wagens, bis man die ausgefahrene feste Straße erreichte. Man mußte berechnen können, wie man mit solch unhandlichem Fahrzeug frische und lose zugeschippte Stubbenlöcher umfahren konnte. Sonst schlug das Rad bis zur Achse hinein und man hatte große Schwierigkeiten, um wieder klar zu kommen.
Wir verdienten mit zwei Gespannen, jedes mit zwei Pferden bespannt, einen guten Tageslohn. Onkel verstand viel von dieser Arbeit, denn er verrichtete sie schon seit frühester Jugend. Er zeigte mir alle Schliche und Kniffe, die dabei benötigt wurden. Da mir diese Arbeit Freude machte, eignete ich mir alles schnell an.
Militärzeit beim Telegraphen-Bataillon in Frankfurt.
Am 17. Oktober beginnt für Franz Ritter die Militärzeit.
Ununterbrochen kamen von den eingelaufenen Zügen neue Kameraden. Inzwischen erhielt jeder eine Eßschüssel und in der Küche gab es die erste Militärmahlzeit. Abends wurden wir alle in einen großen Raum über Küche und Kantinenraum, der voller doppelstöckiger Betten stand, einquartiert. Am nächsten Morgen teilte man uns, der Größe nach, in Korporalschaften ein. Ich kam zur letzten, der sechsten.
Zu jeder dieser Korporalschaften fand sich ein Ausbildungsunteroffizier und ein ebensolcher Gefreiter. Letzterer zog anschließend mit uns nach der Stube 66. Hier war von jetzt an unser Zuhause. Jedem der zehn Kameraden wurde ein Bett, oben oder unten, und ein Schrank zugeteilt.
Nun wurden wir eingekleidet. Jeden Tag gab es irgendein neues Ausbildungsstück. Als wir komplett ausgestattet waren, begann die Ausbildung. Vorerst legte man Wert auf die körperliche Ertüchtigung. Das war für alle diejenigen, die bisher mit Sport wenig zu tun hatten, ungewohnt und anstrengend. Und dann die üblen Ausdrücke der Korporäle.
Die Kameraden, die vom Lande stammten, hatten es dabei am schwersten. Wir hatten in unserer Heimat nicht die geringste sportliche Betätigung kennen gelernt. Klettern und laufen ließen sich noch am ehesten von uns bewältigen. Ging es aber ans springen, war es vorbei mit der Kunst bei mir. Was habe ich z. B. beim Kastenspringen ertragen müssen! Das war ein 1,20 Meter hoher und 40 Zentimeter breiter Kasten, der aus einzelnen Einsatzteilen bestand. Oben war er gepolstert. Niemals habe ich denselben in voller Höhe, bewältigen können. Ich lief einfach gegen den Kasten - und blieb stehen.
Es war und war nichts dagegen zu machen. Es fehlte mir gar nicht an Kraft. Ich stand darin hinter den anderen nicht im geringsten zurück. Aber mir fehlte jede sportliche Übung.
Wie anders sah es darin bei den meisten meiner Stubenkameraden aus. Fast alle hatten Sportvereinen angehört. Welch herrliche Turner hatten wir auf unserer Stube. Unser Kompagniewachtmeister hatte fast nur etwas für Sportler übrig. Da konnte ich nicht auf viel Sympathie von seiner Seite rechnen. Die sonstige militärische und technische Ausbildung machte mir wenig Mühe.
Foto: Franz Ritter beim Militär
Vorläufig durften wir die Kaserne noch nicht verlassen, zuerst mussten wir den militärischen Gruß korrekt erlernen. Der wurde tüchtig gebimst auf dem Kasernenhof.
Eines Sonntagnachmittags ging unser Gefreiter mit uns allen zum Stammvergnügungslokal des Telegraphen-Bataillons. Leider hatte man sich dazu die "Bergbrauerei" ausgesucht, die, von unserer Kaserne aus gesehen, am entgegengesetzten Ende, also auf Beresinchen lag. Dazu musste man durch die ganze Dammvorstadt bis zur Oderbrücke gehen, weiter durch die Innenstadt hin zum Stadtteil Beresinchen.
Unser Stammlokal wurde in der Hauptsache von den Beamtenfamilien in der Stadt besucht. Von den vielen Militärs in der Stadt war es in der Hauptsache das Telegraphen-Bataillon, das hier verkehrte.
Nun möchte ich an dieser Stelle etwas von der "Rangordnung", von dem Ansehen der einzelnen Truppenteile der Garnison bei der Bevölkerung sagen. An der Spitze stand, das war unbestritten, unser Telegraphen-Bataillon. Es setzte sich fast ausschließlich aus Freiwilligen zusammen, die vielfach technische Handwerker, Elektro-Leute, Schlosser, Kaufleute, Büromenschen usw. waren. Jeder ließ sich eine Extra-Uniform anfertigen.
Fast alle waren finanziell von Hause aus gut gestellt. Das alles machte sich in Benehmen und Auftreten überall in der Stadt angenehm bemerkbar. Wir alle waren auf unsere Zugehörigkeit zu diesem Truppenteil nicht wenig stolz. Das hatte sich seit seinem Bestehen in dieser Truppe immer fort vererbt. Bei uns und bei der Bevölkerung. Und was für uns besonders wichtig war, bei den jungen Mädchen. Angehörige des "T. B." stachen alle anderen Soldaten durchweg aus.
In Frankfurt gab es noch das Leibregiment Nr. 8, das Infanterie-Regiment Nr.12 und das Feld-Artillerieregiment Nr. 18. Das Infanterie-Leibregiment Nr. 8. liebte man nicht. Dieses Regiment hatte man 1848 zur Unterdrückung der Revolution nach Berlin geholt. Und alle Kommandeure versuchten durch ungeheuren Schliff der Mannschaft diese eingebildete Stellung in der Armee aufrechtzuerhalten. Zu diesem Regiment ging kaum jemand freiwillig. Wer der Infanterie nicht entgehen konnte, versuchte schnell noch freiwillig zum Infanterieregiment Nr. 12 zu kommen.
Unsere militärische Ausbildung, also Exerzieren, Schießen usw., war bei weitem nicht so intensiv wie bei der Infanterie. Unsere Tätigkeit sollte ja nicht Schießen und Marschieren, sondern Nachrichtenübermittlung werden. Die Hauptsache war, während der ganzen langen Woche mit nichts unangenehm aufzufallen. Denn dann war die erste Reaktion beim Wachtmeister die Streichung des Sonntag-Nachmittag-Urlaubs.
Und straffällig zu werden während der Woche, war so viel Gelegenheit. Schon die vielen Appelle gaben dazu reichlich Möglichkeiten. Appell mit Waffen, mit Bekleidungsstücken, Wäsche, Stiefeln, kurz mit all den Artikeln, die man uns ausgefolgt hatte. Es erforderte dauernde Überwachung und Pflege all dieser Dinge.
Niemand von uns blieb ganz verschont von irgendeinem unangenehmen Auffallen, sei es beim Appell oder wegen unvorschriftsmäßigem Gruß, aber auch durch einen nicht ganz festsitzenden Knopf am Waffenrock oder an der Litevka konnte man auf der Treppe oder auf dem Kasernenhof bei einem der Vorgesetzten auffallen.
Wenn ich knapp bei Kasse war schrieb ich Mitte der Woche eine Postkarte über allgemeines Ergehen nach Hause und sengte eine Ecke dieser Karte etwas an. Dann wußte meine Mutter, das Holland in Not war. Am Sonnabend war sie bei mir. Sie kaufte vorher alles ein, was ich gern hatte und benötigte. Vor allem aber drückte sie mir Geld in die Hand. Vater war für derartiges nicht zu haben. Da musste Mutter selbständig schalten.
Ich hatte bis zum Eintritt beim Militär 500 Mark gespart. Davon bezahlte ich nun meine Extra-Ausstattung: Uniform, Mantel, Mütze, Koppel, neue Schuhe. Das wird so gute 200 Mark verschlungen haben. Mit der Sparerei war es nun natürlich vorbei. Von jetzt ab verbrauchte ich nur noch Geld. Die Löhnung, die wir bekamen, 30 Pfennig pro Tag, konnte bei keinem reichen, oder er durfte sich gar nichts leisten. Gott sei Dank gab es wohl beim Telegraphen-Bataillon nicht viele Kameraden, die nur darauf angewiesen waren.
Bei der Kaiser-Geburtstags-Parade auf dem Anger in Frankfurt mussten auch wir vor dem Garnison-Kommandanten im Parade-Marsch vorbeiziehen. Abends fand im Schützenhaus auf der Dammvorstadt eine Kompagniefeier statt. Im Frühjahr zogen wir öfter zum Truppen-Übungsplatz Kunersdorf. Hier sollte unsere militärische Ausbildung den letzten Schliff erhalten. Natürlich wurden wir dabei einigermaßen geschliffen. Aber das ging alles vorüber.
Ebenso mussten wir auch auf dem hier draußen liegenden Schießständen mit scharfer Munition das Schießen erlernen. Hierbei hatte ich dauernd Pech. Lag es vielleicht auch schon damals an den kurzsichtigen Augen, die ich, wie es sich später immer mehr zeigte, von meiner Mutter, geerbt hatte? Jedenfalls gehörte ich zu den schlechten Schützen in der Kompagnie, die oft in der mittäglichen Freizeit "Gewehrübungen" machen mussten. Das war auch eine Art Schleiferei. Weiter nichts.
Denn dadurch, dass man mit dem Karabiner sehr lange im Daueranschlag stehen mußte, dadurch also lernte man bestimmt nicht besser treffen. Oder auch nicht durch Kniebeugen mit vorgestrecktem Karabiner. Ließ man beim Dauer-Anschlag die Mündung wegen Ermüdung der Arme sinken, gab es keinen Sonntagsurlaub usw.
Derartige Dinge brachten es mit sich dass einem oft die Lust am Militärleben verging. Aber immer wieder waren es die guten Freunde und Kameraden auf der Stube, die mit ihren eigenen Sorgen und ihrem Trubel dazu verhalfen, dass man zusammen schimpfen und klagen konnte und das eigenen Leid, der eigene Ärger sich in dem allgemeinen Jammer doch erheblich verdünnte. "Wie schön ist's doch, Soldat zu sein" sangen wir dann oft mit Galgenhumor.
Zukunftspläne
Die Zeit ging dahin und ich dachte allmählich daran, was sein würde, wenn der Herbst und damit meine Entlassung vom Militär erfolgte. Bei nächster Gelegenheit sprach ich mit meiner Mutter darüber. Ich sagte ihr, dass ich keine Lust dazu hätte, zu Hause die bisherige Arbeit weiter zu machen. Am liebsten wäre mir die Post.
Nun entsann sich meine Mutter eines Jugendfreundes, der jetzt als Postbeamter in Frankfurt tätig war. Schon nach kurzer Zeit konnte ich mich beim Postdirektor vorstellen und wurde, dank meiner früheren Aushilfstätigkeit zu Hause bei der Post, meiner Dienstzeit beim Telegraphen-Bataillon und den dort erworbenen Kenntnissen im Telegraphieren zur Einstellung im Herbst vorgemerkt. Über diese Tatsache freuten wir uns alle ungemein.
Doch alles sollte anders kommen.
Inzwischen war der Österreichische Thronfolger in Sarajewo ermordet worden und die Welt hielt den Atem an.
Und dann war die Mobilmachung da.
Alle Funker wurden ihren Stationen zugeteilt. Ich kam zur Schweren Funkenstation 6. Es erfolgte die Einkleidung in neue feldgraue Uniformen und ebensolche Mäntel. Unsere Formation bestand also insgesamt aus 36 Soldaten einschließlich der Offiziere.
Am 8. August 1914 um zwei Uhr nachmittags fuhr unsere Station zum Bahnhof, um hier verladen zu werden. Wir Soldaten wussten bis jetzt natürlich nicht, wohin man uns dirigieren würde. Um fünf Uhr nachmittags ging die Reise los ...
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