Horst Bahro "Ich war 17"                




Horst Bahro, Jahrgang 1926, wächst in Diehlo bei Fürstenberg an der Oder auf.
"Mitte Januar erhielt ich den langersehnten Befehl, mich am 27. Januar 1944 in der General-Strantz-Kaserne in Landsberg an der Warthe zum Dienstantritt bei der Deutschen Wehrmacht zu melden. Na endlich. Ich war jung und voller Tatendrang", schreibt er in seinen Erinnerungen.
Zunächst verschlägt es ihn nach Norditalien. Dort sollen die Soldaten im Kampf gegen Partisanen eingesetzt werden.
"Beim Ausrücken in unser Übungs- und gleichzeitig Feindgelände hatten wir in der folgenden Zeit stets gemischte Gefühle. Jedes Mal fragten wir uns, was sich außer den Miniäckern und Kaninchen noch hinter den vielen Steinmauern und Felsbrocken verbirgt ... Mittlerweile war es auch nicht mehr wichtig, wenn uns ein Vorgesetzter beim Faulenzen überraschte. Viel wichtiger war es, nicht von einer Partisaneneinheit überrascht zu werden.
"Ein ostfronterfahrener Obergefreiter fluchte derb: "So eine Scheiße, an der Ostfront wusste man noch wo der Gegner war, aber hier lauert der hinter den Felsen und Büschen, ohne dass man die Chance hat, sich zu wehren."

Dann kommt der Einsatz an der Ostfront.

Horst Bahro ist Angehöriger der 79. Infanteriedivision und erlebte mit ihr den Zusammenbruch der rumänischen Front im Juli 1944.


Das Inferno beginnt
Die Detonation einer 17,4-cm-Granate, die unmittelbar neben uns einschlug, bewirkte, dass ich durch den Sog ein wenig nach oben gerissen wurde und durch das Aufschlagen sehr unsanft aus meinem Schlaf gerissen wurde. Meinem Kameraden Egon erging es ebenso, auch ihn hatte der Erschöpfungsschlaf übermannt.
Der Detonation folgte eine geradezu beängstigende Stille. Atemlos lauschten wir. "Was denn", sagte Egon Malchow, "schon zu Ende?"
Plötzlich wurde es ringsherum wieder lebendig. "Sanitäter!", schrie es von allen Seiten, dazu das Stöhnen, Wimmern und Schreien der Verwundeten, hart unterbrochen von den lauten Befehlen der Offiziere und Unteroffiziere, die bestrebt waren, ihre Einheiten zu mobilisieren und die zerschossenen Stellungen wieder zu besetzten. In das Gelände, das eben noch wie ein Friedhof gewirkt hatte, war plötzlich Leben eingezogen. Ich konnte es gar nicht fassen, das so viele Landser das Trommelfeuer lebend überstanden hatten.
In wenigen Minuten war aus dem Chaos wieder eine Kampflinie entstanden, die Verwundeten wurden versorgt und abtransportiert und die Einheiten schienen wieder kampffähig zu sein.

Unteroffizier Seidler erkundigte sich nach unserem Befinden und nach den Verlusten. Unser Ofenrohrzug hatte nur zwei Tote und sechs Leichtverletzte zu beklagen. In anderen Einheiten sah es viel schlimmer aus. Dennoch war die Front bereit, dem jeden Trommelfeuer folgenden Angriff wirkungsvoll zu begegnen.
Links neben mir lag der Kleinste aus der Kompanie, der nur 1,56 Meter große und sehr schmächtige Reinhardt Bläske. Er sah fürchterlich aus. Trotz des schmutzigen Gesichtes glaubte ich zu sehen, dass er sehr blass war. Er rüttelte dauernd an seinem Stahlhelm herum, was offensichtlich auf große Angst und Nervosität zurückzuführen war.
Ehe ich ein paar Worte mit ihm wechseln konnte, ertönten überall die gleichen lauten Befehle: "Die Russen greifen an! Stellung einnehmen, Waffen entsichern und Feuerbefehl abwarten!"

Ich sah über den Rand meiner Deckung und sah in ca. 200 Meter Entfernung die erste Schützenlinie russischer Infanteristen auf unsere Stellungen zukommen. Im gleichen Augenblick setzte ein reges Feuer von leichten Granatwerfern ein. Die extrem flach über den Erdboden sausenden Splitter waren mehr als gefährlich und zwangen uns, tief in unsere Deckung abzutauchen. Als die Schützenkette auf rund 50 Meter heran war, schwiegen die Granatwerfer plötzlich, um nicht die eigenen Leute bei ihrem Angriff zu gefährden. Da erscholl plötzlich aus tausenden russischen Kehlen der laute "Uhhraa"-Schrei und sie liefen immer schneller direkt auf unsere Stellungen zu.
Diesen Schrei kannte ich aus vielen Erzählungen von Ostfront-Urlaubern. Die berichteten übereinstimmend, dass es ihnen beim Hören dieses Schreies eiskalt den Rücken hinunterlief. Nun hörte ich ihn selbst und ich gestehe, hier hatte ich zum ersten Mal richtig Angst ...

Plötzlich kam eine unerklärliche Bewegung in den gesamten Frontabschnitt. Fast panikartig verließen rechts und links von uns die Einheiten ihre Stellungen und setzten sich im Eiltempo nach hinten ab. Ich sah aus Richtung Feind die T-34 anrollen und hinter ihnen ganze Gruppen russischer Infanterie. Die T-34 schossen mit ihren Turmgeschützen auf die sich zurückziehenden deutschen Soldaten. Ich war fassungslos ob diesen Geschehens ...
Ich rannte los und wie erwartet, konnte mir Egon mit der Munitionskiste nicht so schnell folgen. Ich schrie: "Schmeiß doch bloß die Kiste weg und komm!" – "Nein", antwortete er, "niemals!"
Vor mir schrie Seidler: "Mensch Bahro, beeilt euch doch!" Ich rannte wie verrückt weiter. Irgendwann hielt mich Seidler fest und zog mich hinter eine mit Gebüsch bedeckte Bodenwelle. Ich wollte noch einmal zurück, um Egon Malchow zu holen ... Ich hatte den zurückgelegten Weg noch genau in Erinnerung, Egon Malchow fand ich jedoch trotz lautem Rufen nicht ...
Er ist auch nicht in die Heimat zurückgekehrt, erfuhr ich einige Jahre später.


Laufen, immer wieder laufen
Die folgenden Stunden und Tage bestanden fast nur aus laufen in der sengenden Sonne Rumäniens. In der Sonne stiegen die Temperaturen auf über 40 Grad an. Wasser gab es zwar, aber nicht in jedem Ort, den unsere Marschkolonne passierte ...
Völlig überrascht waren wir von der unerwarteten Unterstützung durch rumänische Kavallerie. Seit dem russischen Großangriff hatte ich von unseren rumänischen Waffenbrüdern nichts mehr gesehen. Sie hatten herrliche Pferde, waren mit Karabinern bewaffnet und hatten noch richtige Schleppsäbel, mit denen man in diesem Krieg wohl kaum etwas ausrichten konnte.

... Während wir uns in den beginnenden Abend davonstahlen, sagte Unteroffizier Seidler urplötzlich mit gedämpfter Stimme zu mir: "Mensch Bahro, den Krieg haben wir verloren."


Panik, Flucht und Grausamkeit sind ständige Begleiter
... Kopflos zogen die völlig ungeordneten deutschen Verbände Richtung Süden. Nach einigen Kilometern bildete sich eine breite Marschkolonne, zu der von allen Seiten versprengte Einheiten, Gruppen und Grüppchen hinzustießen.
Ein langgezogenes Tal, das wie ein ausgetrocknetes Flussbett aussah, aber wohl doch keines war, füllte sich mit einer breiten ungeordneten deutschen Marschkolonne, in der sich laufende Infanteristen, bespannte und motorisierte Artillerie, ein paar Sturmgeschütze sowie Verwundetentransporte vereinten.
Im diesem Tal war ein Tomatenfeld mit herrlich großen und sehr reifen Tomaten. Wir zermalmten sie mit unseren Stiefeln, Fahrzeugrädern und -ketten. Ab und zu nahmen wir uns eine Tomaten und stillten damit den größten Hunger. Auch als Durstlöscher waren sie geeignet, jedenfalls für einen Moment.
Als wäre es noch nicht genug der Verwüstung der Ernte und des Chaos unter den Flüchtenden, kamen noch überraschende Tiefflugangriffe russischer Jagdbomber hinzu, die mit Bordwaffen und kleinen Bomben einen gewaltigen Schaden unter den Menschen anrichteten. Was waren schon Tomaten im Gegensatz zu den vielen Toten und Verwundeten, ganz abgesehen von den verletzten Pferden, den niemand mehr den Gnadenschuss gab ...

Der weitere Rückmarsch in der Dunkelheit war teuflisch. Mal stolperte man über eine Wurzel, mal fiel man in ein Erdloch, rannte gegen einen Baum oder eine gut getarnte schwere Waffe, stolperte über verlorene oder weggeworfene Ausrüstungsgegenstände oder trat dem voran laufenden Kameraden in die Hacken ...

... setzte ein mörderisches Feuer von Kleinkalibergranatwerfern ein. Wir wunderten uns, woher das Feuer kam, denn wir sahen zunächst keinerlei russische Einheiten. Es war bekannt, dass die kleinkalibrigen Granatwerfer keine großen Reichweiten hatten. Wo verdammt noch mal, saßen diese ekeligen Granatwerfer, die tausende kleine Splitter in die deutschen Soldatenkörper jagten? Manch getroffener Landser merkte es erst später, wenn irgendwo Blut durch die Uniform sickerte. An eine Versorgung dieser kleinen, aber gefährlichen Wunden dachte niemand ...

Was wir ebenfalls im Staub der Marschkolonnen nicht wahrgenommen hatten, waren fas kilometerlange Verwundetentrecks, die inzwischen zu uns gestoßen waren ...
Da wir mehrmals Weinplantagen durchquerten, füllten wir uns bei diesen Gelegenheiten unsere Stahlhelme mit Weintrauben. Unteroffizier Seidler und ich steckten mehrmals einigen Verwundeten Weintrauben zu, die diese dankbar entgegennahmen.
Die begleitenden Sanitäter, es waren ohnehin nicht viele, hatten Mühe, die Verwundeten auch nur annähernd mit den nötigen Medikamenten und Verbänden zu versorgen, an eine Verpflegung war überhaupt nicht zu denken.
Die Verwundeten lagen oder saßen auf sogenannten Pleskauer Pferdewagen und wurden in dem holprigen Gelände kräftig durchgeschüttelt. Das Stöhnen der dadurch zusätzlich Gemarterten ging einem durch Mark und Bein.


Schließlich kommt die Gefangennahme durch russische Soldaten und der Weg in russische Kriegsgefangenschaft.


Rybinsk
Die Stadt, in der unser Zug ankam, hieß Rybinsk und liegt im Norden Russlands im Bezirk Jaroslawl ... Irgendwie überfiel uns eine Art Genugtuung, endlich aus diesen höllischen Waggons herauszukommen ...
Hier erlebte ich zum ersten Mal im Leben, dass der Spruch "Not macht erfinderisch" seine volle Berechtigung hat. Plötzlich hatten kluge Köpfe eine lange Schnur zusammengeknotet und daran eine Feldflasche gebunden. Man warf nun die Feldflasche auf das dünne Eis. Dieses gab nach und die Flasche sank und füllte sich. Rasch wurde sie in den Waggon gezogen. Immerhin war sie noch gut halbvoll.
Jetzt begann die Verteilung des Wassers und jeder Gefangene wartete gierig, aber auch sehr geduldig, auf seinen Anteil. Die noch verbliebenen 90 Mann bekamen nun jeder einen Esslöffel voller Wasser. Beim ersten Wurf erhielt nur die eine Waggonhälfte Wasser, aber jeder zwei Löffel voll, beim nächsten Wurf war dann die andere Hälfte dran. Die Männer mussten jedoch noch lange darauf warten, denn der Posten erlaubte uns keinen Wurf mehr nach dem begehrten Nass.
Wieder half der Erfindungsreichtum der Waggoninsassen. Jemand bot dem Posten einfach ein Geschenk an – eine einfache Nähnadel. Und hatte Erfolg mit diesem Bestechungsversuch, die Gefangenen hatten wieder ein paar Löffel voll Wasser ...

Die deutschen Gefangenen gingen mit dem Wasser sehr unterschiedlich um. Die meisten, zu denen auch ich gehörte, schluckten den eben empfangenen, so wertvollen Löffel voll sofort runter. Einige sammelten mehrere Löffel voll, um dann einen größeren Schluck nehmen zu können. Sie liefen dabei aber auch Gefahr, dass ihnen der leidende Nachbar in einem unbemerkten Augenblick das gesparte Wasser austrank.
An Kameradschaft dachte hier kaum noch einer, jeder war sich selbst der Nächste.
Mit dieser Beschäftigung war der erste Tag in Rybinsk ausgefüllt. Es war der 14. Oktober 1944, es war Frost und wir froren fürchterlich.

Am 30. November 1949 betritt Horst Bahro n Frankfurt (Oder) wieder deutschen Boden


In eigener Sache
Millionen deutscher Soldaten gerieten im zweiten Weltkrieg in Kriegsgefangenschaft. Viele von ihnen hatten nicht das Glück, ihre Heimat wiederzusehen ...
Bei der Beurteilung des Erlebten muss Objektivität und Wahrheit immer den Vorrang haben, auch wenn einem das manchmal nicht gefällt. Dabei ist Hass auf den Sieger der denkbar schlechteste Ratgeber. Nur über das Schlechte zu berichten ist genauso die halbe Wahrheit, wie nur über das Gute zu berichten.

.... Ich kenne die Leiden meiner Mitgefangenen, aber auch die der schwer geschädigten Völker der Sowjetunion, unter denen Letztere noch litten, als wir bereits wieder in der Heimat angekommen waren. Während es für uns eine Genfer Konvention gab, gab es die für diese Völker nicht.
Vergessen wir nie, dass wir Deutsche es waren, die die damalige Sowjetunion überfallen und diesem Land schweren Schaden zugefügt haben. Natürlich wurden wir hier und da von sowjetischen Soldaten und auch von Zivilisten misshandelt, aber es waren auch russische Menschen, die ihr Brot mit uns teilten, obwohl sie damals weniger hatten als wir Kriegsgefangenen.

Ich habe schon als 13jähriger Junge mit ansehen müssen, wie sowjetische Kriegsgefangene auf ihrem Weg vom Güterbahnhof in Fürstenberg an der Oder zum Stammlager IIIB getrieben wurden, halb verhungert und jeder menschlichen Würde beraubt. Aber ich habe auch anständige Deutsche in solchen Situationen erlebt ...

© 2010 Horst Bahro





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Horst Bahro als 17-jähriger Soldat
Meine langen Reisewege zu Fuß und per Bahn